(Untitled)
Auf unserem Teamtreffen letzte Woche haben wir uns mit einem Thema beschäftigt, das die meisten von uns immer wieder und auf verschiedenste Arten gedrückt hat: Gehalt. Und wir haben dabei ein, nein: zwei Ergebnisse erzielt, die uns auf andere Art herausfordern, als es die bisherigen Gehaltsverhandlungen getan haben.
Erstens: Unsere Gehälter sind nun transparent, das heißt, jede und jeder im Team kennt die Gehälter aller anderen.
Zweitens: Unsere Gehälter sind nun selbst gewählt, das heißt, jede und jeder im Team nennt eine Zahl, und die ist es dann.
Der Weg dorthin war, wie man sich denken kann, alles andere als einfach. Noch eine Woche vor dem Teamtreffen erzählte ich einer Bekannten von meinem Ansinnen, dem Team diese beiden Ideen vorzustellen. Sie erzählte mir daraufhin, wie eine ihrer Kolleginnen so schockiert - schockiert! - war, als sie erfuhr, dass sie weniger verdiente als meine Bekannte, dass daran ein kollegialer Kontakt zwischen den beiden vollkommen zerbrochen ist - wohlgemerkt in einem Bereich, in dem strikt nach Tarif bezahlt wird und Gehaltsunterschiede durch Tätigkeitsschlüssel, Dauer der Zugehörigkeit, universitärer Ausbildung etc. vollkommen klar begründet sind. Einige mögen über dieses Beispiel schmunzeln, aber Geschichten darüber, wie Gehaltsunterschiede geradezu als einen Unterschied im “Wert als Mensch” betrachtet werden und zu Spannungen führen können, kennen vermutlich die meisten.
Unser eigener Weg beginnt mit meiner Selbstständigkeit: Ich bin nicht angestellt, sondern als Einzelunternehmer ist der Unternehmensgewinn eben mein persönlicher Gewinn. Irgendwann habe ich die erste Person angestellt, und dabei haben wir uns eben auf ein Gehalt geeinigt. Und als ich die zweite Person angestellt habe, habe ich mich mit der eben auch auf ein Gehalt geeinigt. Die Lebenssituationen und damit der konkrete finanzielle Bedarf der beiden unterschieden sich deutlich, und das Gehalt spiegelte das auch wider. So entwickelte sich alles über Jahr um Jahr entsprechend weiter: Jede und jeder Angestellte verhandelte sein Gehalt mit mir. In den oft sehr persönlichen Gesprächen habe ich Einblicke in persönliche Umstände erhalten, die ausgerechnet mit dem Arbeitgeber zu teilen gewiss nicht die Regel ist. Über Jahre hinweg hat das niemand grundlegend in Frage gestellt, womit sich für mich ein Gefühl einstellte, dass mir dahingehend vertraut wird, dass ich hier angemessene Entscheidungen treffe. Und ich habe mich darum bemüht, dieser unausgesprochenen Erwartung zu entsprechen.
Jedes einzelne Gehalt persönlich auszumachen birgt auch Risiken, und jene habe ich selbst mit den Jahren als immer drückender empfunden: Je nach Persönlichkeitstyp fragen einige vielleicht öfter nach Gehaltserhöhungen als andere, oder sie fragen dabei nach höheren Beträgen. Wenn ich nur aktiv werde, wenn jemand nach mehr Gehalt fragt, gehe ich das Risiko ein, diejenigen, die nie von sich aus fragen, strukturell zu benachteiligen. Das Bemühen darum, dennoch alle Gehälter stimmig unter einen Hut zu bringen, bedeutet für mich aber auch eine Belastung - eine, die mit der Zeit auch immer schwerer zu tragen wurde.
Schon vor Jahren gab es Bestrebungen, hier mal grundsätzlich etwas zu ändern. Die Bandbreite der Ideen reichte von “alle sollen das gleiche Gehalt bekommen” bis hin zu “wir wollen uns eine Gehaltsformel ausdenken”, aus der sich das Gehalt anhand verschiedener Kriterien “unangreifbar” ermitteln lässt. An nahezu philosophischen Ausarbeitungen und komplexen Berechnungstabellen bestand kein Mangel. Was als Erkenntnis blieb, war: Es ist schwierig. Richtig, richtig schwierig.
Am Ende hat keine jener Initiativen ausreichend Dynamik entwickelt, um den Status Quo der persönlich verhandelten Gehälter kombiniert mit der “Jonas wird’s schon fair machen”-Vermutung abzulösen.
Ich denke, es kann ohne Übertreibung gesagt werden, dass die derzeitige Inflation in Kombination mit stark steigenden Energiepreisen einen markanten Auslöser geliefert hat, denn dass Menschen, die Monat für Monat mehr für ihren Lebensunterhalt ausgeben müssen, früher oder später nach mehr Gehalt fragen werden müssen, liegt auf der Hand. Gleichzeitig bangen wir als Hostingunternehmen, dessen angebotene Leistung maßgeblich auf in Rechenzentren unterbrachten Servern basiert, die jeden Monat mehrere tausend Euro Stromkosten generieren, auch selbst, dass wir Preissteigerungen in diesem Bereich noch tragen können, ohne grundlegend etwas an unserem freien Preismodell ändern zu müssen. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorstellen zu können, dass es mich als letztlich finanziell für den Betrieb Verantwortlichen nicht nur schmerzt, mich bei jeder Gehaltsverhandlung fragen zu müssen, wie ich diesen zusätzlichen Betrag auf der anderen Seite erwirtschaften kann,